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Literatur kommt nicht als heilige Kuh daher - Interview: Tarek J. Schakib-Ekbatan

Literatur kommt nicht als heilige Kuh daher

Interview: Tarek J. Schakib-Ekbatan

23. März 2020

Seit Frühjahr 2018 findet Shared Reading in der Buchhandlung WortReich in der Heidelberger Weststadt mit Christine Dreesen statt. Die gelernte Erzieherin, Buchhändlerin und Literaturpädagogin ist seit zwei Jahren Shared Reading-Facilitatorin. Gastgeberin Bettina Heuer führt seit 2001 selbstständig die Buchhandlung WortReich, die sie regelmäßig für die Shared Reading-Treffen öffnet.

Was hat Euer Interesse an Shared Reading geweckt?

Christine Dreesen: Ich habe durch einen Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung von Shared Reading erfahren. Und ich habe mir gedacht, das ist genau das, was ich gerne mache. Den Ansatz, beim Shared Reading nicht so akademisch auf den Text zu gucken, sondern darauf, was er mit einem macht, finde ich toll – auch so ein niedrigschwelliges Angebot zu haben, auf das sich die Teilnehmer*innen nicht vorbereiten müssen. Mir gefällt, dass es danach in einem weiterwirkt und ganz verschiedene Menschen zusammenkommen.

Bettina Heuer: Literatur habe ich den ganzen Tag hier im Laden um mich. Mich hat gereizt, dass man beim Shared Reading Menschen sehr gut kennenlernen kann. Natürlich nur ein Stück weit, doch man kommt schnell ins Gespräch über existenzielle Themen, wichtige Fragen oder persönliche Ansichten. Das fasziniert mich auch immer bei meiner Arbeit im Buchhandel.

Was macht Shared Reading für Euch besonders?

Christine Dreesen: Ich kriege von den Teilnehmer*innen die Rückmeldung, dass sie es alleine schon schön finden, abends in der Buchhandlung zusammensitzen zu können. Das finde ich auch sehr gemütlich. Die Menschen fühlen sich verbunden mit der Gruppe. Ein Teilnehmer hat uns zum Beispiel sein Baby vorgestellt und seine Eltern mitgebracht, als sie zu Besuch in der Stadt waren. Da ist wirklich etwas entstanden. Und es ist umsonst und um die Ecke.

Bettina Heuer: Ich möchte den Menschen mit der Buchhandlung und der Literatur einen besonderen Moment im Alltag schaffen und das gleiche erreichen auch die Begegnungen beim Shared Reading. Die Zusammenkunft und das Kennenlernen über die Geschichte ist für mich der Zauber, der es besonders macht. Man lernt Menschen wirklich kennen und oft sind sie ganz anders, als man gedacht hat.

Christine Dreesen: Einmal ist eine Frau aus dem Hotel gegenüber gekommen, die hier eine Postkarte gekauft und so von der Veranstaltung gehört hat. Da dachte ich, das ist eine tolle Erfahrung: Man ist fremd in der Stadt, geht in die Buchhandlung und bekommt dann so ein Abendprogramm geschenkt.

Bettina Heuer: Ja, man ist auch sofort drin und nimmt im wahrsten Sinne des Wortes teil. Deswegen wünschen wir uns immer neue Teilnehmer*innen, weil hier ein offener Ort ist. Man kann etwas mitnehmen und muss nichts dafür geben. Wo hat man das schon?

Wen wollt Ihr ansprechen? Was passiert bei den Treffen?

Bettina Heuer: Ich habe da überhaupt keine spezielle Vorstellung. Je gemischter, umso lustiger und spannender ist es. Vor allem, weil ja nicht nur die Texte im Mittelpunkt stehen, sondern auch, wie die Menschen aufeinander reagieren. Wie sehr nehmen sie an, was ein anderer im Text sieht? Wie sehr rudern sie zurück? Wie lernen sie voneinander? Wenn jemand sagt „Ich sehe genau dasselbe in der Geschichte wie Du“ verbindet und bestärkt das.

Christine Dreesen: Es hat ein bisschen was von Yoga. Man kommt runter und ist ganz konzentriert auf das, was man im Moment hört. Und dann auch wirklich zu kapieren, jeder liest mit seinem eigenen Hintergrund, mit seiner eigenen Vorgeschichte. Manche Sachen werden ja ganz verschieden verstanden. Und das auszuhalten und andere Meinungen stehen zu lassen, empfinde ich als eine gute Übung.

Bettina Heuer: Man kann einfach lernen, eine andere Meinung zu tolerieren. Weil der Respekt vor dem Anderen wächst. Es geht wirklich hin und her, dass zum Beispiel eine die Geschichte ganz toll findet, und ein anderer ganz langweilig. Shared Reading schafft ein Klima, in dem Literatur nicht als Heilige Kuh daher kommt sondern als etwas, das man gut finden kann, aber nicht gut finden muss.

Warum sollte man zum Shared Reading kommen?

Christine Dreesen: Es ist eine Art sich zu begegnen. Über sich zu reden, ohne über sich zu reden und etwas über andere zu erfahren. Ich habe da neulich ein schönes Zitat von Max Frisch gelesen: „Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen“. Und so ist eigentlich auch Shared Reading: Man kann es aufnehmen und was dazu sagen, oder es einfach für sich behalten und mit nach Hause nehmen.