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Gemeinnütziges Kulturzentrum in Heidelberg

Bild: Ein Abend der Begegnung  in Oberschefflenz

Ein Abend der Begegnung in Oberschefflenz

Shared Reading: Mit-Lesen-Teilen

21. April 2023

Bei Shared Reading geht es um Begegnung und darum miteinander ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam werden mit Pausen eine Kurzgeschichte und ein Gedicht laut gelesen. Was siehst Du? Was sehe ich in dem Text? Diesen Fragen gehen die Teilnehmer*innen zusammen auf den Grund. Alle können mitmachen und ganz ohne Vorwissen einfach vorbeikommen. Ausgebildete Shared Reading Leseleiter*innen moderieren das Gespräch und bringen jedes Mal neue inspirierende Texte mit. Dank ehrenamtlichen Leseleiter*innen gibt es inzwischen regelmäßig Shared Reading im Neckar-Odenwald-Kreis. Im beschaulichen Oberschefflenz steht das Literaturmuseum Augusta Bender. Draußen ist es schon dunkel als ich eintrete. Karola Büchel nimmt mich grüßend in Empfang und führt mich durch das Museum. Die Namensgeberin des Museums war das sechste Kind einer Bauernfamilie aus Oberschefflenz. „Das hier ist ihre alte Tür ihres Geburtshauses gewesen“, sagt Büchel und zeigt auf eine massive Holztür im barocken Stil. 1863 verließ Augusta Bender mit 16 Jahren ihr Dorf, um sich Bildung zu erkämpfen. Als Kulturvermittlerin pendelte sie 26 Jahre lang zwischen Amerika und Deutschland hin und her. An den Wänden sind die Abschnitte ihres Lebens dargestellt, dort hängt auch ein mahnender Brief ihres Vaters, der seine Tochter für verrückt erklärte.

„Unser Literaturmuseum würdigt das Leben dieser mutigen Frau und soll ein Ort der Begegnung sein“, sagt Büchel. Und genau so ein Ort ist das Museum auch am heutigen Abend bei Shared Reading. Nach und nach finden sich insgesamt sieben Teilnehmer*innen im Stuhlkreis ein. Der heutige Text heißt „Das weiße Handtuch“, kündigt Büchel an und beginnt vorzulesen. Die Geschichte handelt von einer Person, die am sonnigen Tag im Restaurant das Streitgespräch eines Paars am Nebentisch belauscht. Der Mann soll endlich einsehen, dass er seinem Rivalen unterlegen ist. Viel mehr über den Inhalt der Auseinandersetzung erfahren wir nicht. Der Erzähler kann trotzdem nicht anders als gebannt zuzuhören. Er stellt sich dabei allerhand Details über die Beziehung der Beiden vor, ergreift Partei und urteilt über den Mann. Dieser sitzt ihm mit dem Rücken zugewandt entgegen, sodass er sein Gesicht nicht sehen und seine Stimme kaum hören kann. Nach einiger Zeit macht Büchel eine Pause und die Teilnehmer*innen tauschen sich über das Gelesene aus.

„Das ist schon sehr wertend, ich kann nicht nachvollziehen, wie man über fremde Menschen so urteilen kann“, sagt eine Teilnehmerin. „Naja, aber ich mache das oft: Im Café Leute beobachten und darüber nachdenken, was die Person für einen Beruf hat und wie sie wohl lebt. Das ist doch spannend“, gesteht eine andere Teilnehmerin.

Im weiteren Textverlauf erblickt der Erzähler* irgendwann das Gesicht des Mannes, hört dessen Stimme und entscheidet, dass die Frau zu harsch mit ihm umgegangen ist. „Spannend, dass jetzt wo er ein Gesicht zur Person hat, er ganz anders über sie denkt“, sagt eine weitere Teilnehmerin. Nach zahlreichen Wendungen, Austausch und Gespräch ist die Geschichte zu Ende und zum Abschluss wird gemeinsam ein Gedicht gelesen.

„Ich finde es einfach total schön, dass es so etwas in 10km Entfernung von mir gibt und ich so mehr Leute kennenlernen kann“, verrät mir Marlene Schmidt aus Adelsheim im Anschluss. „Besonders das Gedicht am Ende passt immer und gibt nochmal einen neuen Impuls.“ Auch Lucia Rüger-Markert, 2. Vorsitzende des Museums, schätzt den Austausch: „In der Gemeinschaft sieht man einfach mehr!“

„So wie man selbst, müssen das nicht alle sehen – das macht die Runde immer so lebendig“, sagt Büchel, die ursprünglich aus der Erwachsenenbildung kommt. Dank ehrenamtlichen Leseleiter* innen wie ihr, ist es möglich Shared Reading an so viele verschiedene Orte zubringen. Ich verabschiede mich und während ich in die dunkle Nacht hinaustrete, bin ich froh über dieses herzliche Angebot zum Austausch hier im ländlichen Schefflenz.

Text: Helen Moayer

Shared Reading stammt aus England und beruht auf der Beobachtung, dass Literatur Menschen berührt, ganz egal wo sie herkommen, was sie vorher schon gelesen haben und wer sie sind. Es muss nichts vor-bereitet werden und die Teilnahme ist kostenfrei.
Hier findest du alle aktuellen Termine für Shared Reading in Heidelberg und Umgebung.