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Kulturhaus Karlstorbahnhof Heidelberg

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Bild: Geschichte UND Geschichten – Teil 1 von 3: Eine Reithalle für die Wehrmacht

Geschichte UND Geschichten – Teil 1 von 3: Eine Reithalle für die Wehrmacht

Eine historische Aufarbeitung der Vorgeschichte des neuen Karlstorbahnhofs

28. Dezember 2021

Recherche & Text: Julian Kramer

Während der Recherche zu meiner Masterarbeit zur Militärkonversion in Heidelberg kam ich selbstverständlich auch mit dem Karlstorbahnhof in Kontakt. Das überregional wichtige Kulturzentrum verlässt bald den denkmalgeschützten Bahnhof der Heidelberger Altstadt, einen Bau aus dem Dritten Reich. Das Ziel sind die Campbell Barracks, eins der ehemaligen amerikanischen und NATO Hauptquartiere in Deutschland. Ich möchte mich hier ein bisschen mit der Geschichte des neuen Karlstorbahnhofs befassen und der Konversionsfläche, auf die er nun zieht. Die Campbell Barracks in der Südstadt erhielten diesen Namen durch die Amerikaner im Jahr 1948, dies ist aber eine andere Geschichte. Zuvor hieß das Kasernenareal Großdeutschlandkaserne, erbaut 1936-37 durch die Wehrmacht und heute ebenso unter Denkmalschutz wie der „alte“ Karlstorbahnhof.

Während Recherchen zur Großdeutschlandkaserne stößt man immer wieder auf die Begriffe „Reithalle“ und „Kutschenhalle“, die es auf dem Areal gegeben haben soll. Aber kann das sein? Weshalb sollte die Wehrmacht Pferde auf ihrer Kaserne gehalten haben?

Die späteren Campbell Barracks, die aktuell in das neue Stadtquartier Campbell umgewandelt werden, erbaute die Wehrmacht ab 1936 auf einem freien Feld zwischen der Heidelberger Weststadt, und dem früheren Winzerdorf und späteren Heidelberger Stadtteil Rohrbach. Die heutige Südstadt, in der das Gelände heute liegt, entsteht erst ab den 1950er Jahren. Zwar beherbergt Heidelberg damals bereits eine Kaserne aus dem Kaiserreich, die heute als Patton Barracks bekannte Grenadierskaserne an der Speyerer Straße, sowie einige Kasernen in der Altstadt; diese werden der Wehrmacht in ihren Aufrüstungsplänen vor dem Krieg jedoch zu klein.

Teil der Aufrüstungspläne war nämlich auch eine Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935, welche mehr und größere Kasernen nötig machte. Das Heeresbauamt Mannheim errichtete daher die neue Kaserne am Rand Heidelbergs am Römerweg, der im Zuge dessen als Römerstraße ausgebaut wurde, für das Infanterieregiment 110. Der Lageplan dieses „Bauvorhabens Nr. 124004: Neubau einer Infanterie Kaserne in Rohrbach,“ der vom Militärbauamt im Februar bzw. August 1937 unterzeichnet wurde, klärt die Frage, ob und warum sich hier Pferdeställe befunden haben könnten.

Während diese Kaserne dem typischen Bild einer Kaserne des sogenannten Dritten Reichs entspricht, verwundert auch das Vorhandensein von Pferdeställen nicht. Wer an den Zweiten Weltkrieg denkt, dem kommt die Kavallerie sicherlich nicht als erstes in den Sinn. Jedoch waren zu Kriegsbeginn über eine halbe Million Pferde mobilisiert. Selbstverständlich war die Wehrmacht, auch ein Infanterieregiment, motorisiert, Pferde gehörten zum Transport im Gelände jedoch ebenso zu einem Heer.

Wer ab dem Sommer 2022 zum neuen Karlstorbahnhof geht, wird vermutlich erst einmal über die ehemaligen Reitplätze der Wehrmacht auf das neugebaute Foyer zugehen. Die beiden Backsteinflügelbauten links und rechts, die den neuen Club einrahmen, waren Pferdeställe. Genauso wie die Langbauten, die parallel zum Gewerbegebiet „Im Breitspiel“ laufen und nun Büros für den Karlstorbahnhof beherbergen werden. Der neue Saal des Karlstorbahnhofs befindet sich im Herzstück der ehemaligen Kavallerieanlage der Großdeutschlandkaserne. Hier befand sich eine „Doppelreithalle“ für das Bataillon sowie das Regiment, die hier als Teil des Infanterieregiments 110, stationiert waren.

Die „Bespannungsfahrzeughalle“, also eine Halle, in der Kutschen oder Wägen gelagert wurden, genauso wie eine Beschlagsschmiede, stehen nicht mehr; sie wurden 2017 abgerissen. Neben der heutigen Pädaktiv-Kita südlich der Pferdeställe befand sich zudem noch ein Kranken-Pferdestall, welcher weiterhin steht. Die weiteren Gebäude der Kaserne, die heute immer noch stehen, sind die sechs Mannschaftsgebäude am neuen Paradeplatz, sowie das Stabsgebäude, das den Eingangsbereich der Kaserne markiert. Dieses wurde von Wirtschaftsgebäuden flankiert. Während die Südseite hauptsächlich den Pferden gewidmet war, gab es auf der Westseite der Kaserne ebenso Kraftfahrzeughallen, eine Tankhalle sowie Platz um „motorisierte Fahrzeuge“ aufzustellen.

Das hier stationierte Regiment samt seiner Pferde wurde 1940 in Frankreich eingesetzt und später an die Ostfront verlagert. Ob die amerikanischen Streitkräfte im März 1945 bei ihrem Einmarsch in Heidelberg noch Pferde in der Kaserne vorfinden konnten, ist nicht klar, jedoch wurden die Einrichtungen, die die Wehrmacht für ihre vierbeinigen Kriegstransportmittel erbaute, auch im Kalten Krieg weitergenutzt. Von den Amerikanern jedoch nicht für Pferde – aber davon mehr in der zweiten Folge.

Quellen:

Elkins, Walter F.; Montgomery, Michael J.; Führer, Christian (2014): Amerikaner in Heidelberg 1945 – 2013. Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Basel: Verl. Regionalkultur (Schriftenreihe des Stadtarchivs Heidelberg : Sonderveröffentlichung / im Auftr. d. Stadt Heidelberg hrsg, Bd. 20).

Mertens, Melanie (Hg.) (2013): Stadtkreis Heidelberg. Teilband 2. 2 Bände. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, II.5.2).

Mertens, Melanie (2015): Kunst und Kaserne. Die Großdeutschlandkaserne in Heidelberg. In: Denkmalpflege In Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt Der Landesdenkmalpflege 44 (4). DOI: 10.11588/nbdpfbw.2015.4.25370.

Military History Office (MHO), Office of the Secretary of the General Staff (OSGS), HQ USAREUR/7A (1994): Campbell Barracks. The Story of a Caserne, 1937 to 1994. Hg. v. Headquarters United States Army, Europe, and Seventh Army (HQ USAREUR/7A). Heidelberg. Online verfügbar unter https://www.yumpu.com/en/document/read/10446742/page-1-i-campbell-barracks-the-story-of-a-caserne-1937-to-, zuletzt geprüft am 08.04.2021.

Rhein Neckar Zeitung (Hg.) (2016): Heidelberg: Abrissarbeiten in Mark Twain Village und Campbell Barracks bis 2019. Die Gebäude sollen für neuen Wohnraum weichen. Online verfügbar unter https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-Heidelberg-Heidelberg-Abrissarbeiten-in-Mark-Twain-Village-und-Campbell-Barracks-bis-2019-_arid,238143.html, zuletzt aktualisiert am 29.11.2016, zuletzt geprüft am 07.12.2021.

Foto ehemaliges Wandgemälde Reithalle: Mark Twain Center Heidelberg