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Karlstorbahnhof e.V.

Gemeinnütziges Kulturzentrum in Heidelberg

Bild: Das IFFMH: Angekommen im neuen Karlstorbahnhof

Das IFFMH: Angekommen im neuen Karlstorbahnhof

Sascha Keilholz vom IFFMH im Interview

7. November 2023

Vor sieben Jahren fand das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg in einer Art Zeltstadt auf dem benachbarten Paradeplatz statt, in der Umgebung war vieles abgesperrt. Seither hat sich viel getan: Aus den Campbell Barracks ist ein lebendiges Quartier entstanden, der Karlstorbahnhof ist umgezogen, das Filmfestival hat eine neue Leitung und ganz nebenbei hat die Digitalisierung die ganze Medienwelt auf den Kopf gestellt. Wir haben mit dem neuen Leiter Sascha Keilholz darüber gesprochen, wie sich diese Veränderungen im Programm und in der Erlebnisqualität des Festivals abbilden.

Hand aufs Herz, warum sind Filmfestivals im Zeitalter von Streaming, Serien-Boom und YouTube besonders wichtig?

Sascha Keilholz: Was ich faszinierend finde: in meiner Generation und Bubble ist der Serienboom schon lange abgeflaut. Gleichzeitig registriere ich, dass Serien bei einem etwas jüngeren und vielleicht per se etwas weniger cinephilen Publikum nach wie vor eine große Rolle spielen. Auch im Zusammenhang mit Netflix. Das war beispielsweise Thema bei unserem letzten Filmfusion-Treffen. Nach meiner Einschätzung sind die guten Serien auf und insbesondere von Netflix sehr überschaubar. Die letzte war vielleicht Better call Saul. Und das war schon eine große Ausnahme und natürlich ein Sonderfall, weil es sich um ein Spin-Off von Breaking Bad handelt.

Ein scharfes Urteil.

Die Begrenzungen des Contents auf Netflix empfinde ich tatsächlich als extrem. Ästhetisch, historisch, narratologisch. Wenn man das dann mit der Vielfalt der Kinoproduktionen vergleicht, die auf internationalen Filmfestivals laufen, ist die Differenz schon gravierend. Meine Erfahrung und meine feste Überzeugung sind: ein riesiger Teil des Publikums wünscht sich auch solche Filme. Nur, dass sie außerhalb von Festivals schwer zu greifen sind und dann quasi von der Bildfläche verschwinden. Wenn ich Netflix als hauptsächliches Fenster in die Filmwelt verstehe, ist das natürlich brutal.

Tatsächlich ist es ja leider so, dass die Wahrnehmung des Mediums Films inzwischen flächendeckend von dieser Perspektive geprägt ist. Inwiefern verändert das die Kinolandschaft?


„Barbenheimer“, also der Hype um Barbie und Oppenheimer, war ein ökonomischer Segen für die Kinobranche. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Kinos zwischenzeitlich sehr gerne anderes gespielt hätten, das verdrängt wurde. Und dass es sich hier um ein singuläres Phänomen handelt. Eine andere Realität existiert zudem: Kinos schließen. Bevor wir sie vermissen, wenn es zu spät ist, sollten wir sie jetzt aufsuchen und unterstützen.

Wie haben diese Veränderungen Deine Arbeit mit dem Medium Film verändert?

Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass meine Arbeitsrealität mich von einem Extrem ins andere katapultiert: In einem durchschnittlichen September schaue ich zunächst etwa 40 Filme geballt in einer guten Woche im Kino – bei den Filmfestspielen von Venedig. Und anschließend sichte ich etwa 50 Filme zu Hause. Natürlich kann ich abstrahieren und die Integrität des Programms garantieren. Aber mein persönliches Seherlebnis zu Hause ist mit dem im Kino nicht zu vergleichen. Am Ende des Jahres erinnere ich mich immer an die Kinobesuche. Das sind die schönsten und bleibenden Momente. Magische Momente.

Auf die freuen wir uns auch ganz besonders. Bei der großen Vielfalt des Programms gibt es aber auch die berühmte Qual der Wahl. Welche Entwicklungen kristallisieren sich heraus, an denen wir uns als Publikum orientieren können?

Ja, es gibt da auf jeden Fall Trends, die Zeitgeist abbilden: Fragen nach Gender und Identität, nach Sexualität und Consent. Oder auch kritische Analysen repressiver Regimes; häufig, aber nicht immer, von Exilant*innen realisiert. Bei vielen Filmen gibt es eine Abkehr vom klassischen Realismus zugunsten traumhafter Strukturen. Außerdem haben wir so etwas wie die Rückkehr des unabhängigen amerikanischen Kinos wahrgenommen. Neben neuen Werken namhafter Autor*innen wie „Priscilla“ von Sofia Coppola, „Hit Man“ von Richard Linklater und „All of us strangers“ von Andrew Haigh mit Paul Mescal, gibt es da auch faszinierende Neuentdeckungen: Sean Prince Willams’ „The Sweet East“ und Lucy Kerrs „Family Portrait“.

Dieser Schwerpunkt passt auf jeden Fall wunderbar zur amerikanischen Vorgeschichte unseres Gebäudes. Was sind eure Erwartungen an den neuen Ort?

Wir sind Fans vom neuen Karlstorbahnhof. Die Räumlichkeiten sind super: großzügig, flexibel und barrierefrei. Hier gibt es tolle Formate, wie das Queer Festival. Und natürlich das Karlstorkino vom Medienforum. Also fühlen wir uns hier per se heimisch. Logistisch bietet er uns die Möglichkeit, eine echte interkulturelle, internationale und transdisziplinäre Begegnungsstätte zu schaffen. Die Vielfalt des Denkens und Sprechens über Film wird hier extrem sein, von den Screenings und Talks über Lesungen, Performances, Panels und Masterclasses bis hin zu Installationen, Konzerten, Empfängen und Parties. Alles an einem Ort! Zur Eröffnung am 17.11. legt Lars Eidinger in unserer Lounge auf. Außerdem wird das interdisziplinäre queere Kollektiv The Nest aus Nairobi vor Ort sein, quasi wie eine Künstlerresidenz, mit ganz unterschiedlichen Formaten. Da wird also jeden Tag mächtig was los sein. Unsere Vorfreude ist riesig.