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Eine Frage des Anstands: Was darf Humor?

25 Jahre Kabarett und Comedy

5. Januar 2021

Bild: Eine Frage des Anstands: Was darf Humor?

Humor darf zunächst alles, was nicht gegen die Würde des Menschen verstößt. Die wichtigere Frage ist also, was Humor nicht darf. Martin Müller ist als Booker des Karlstorbahnhofs auch für das Comedyprogramm zuständig und hat sich mit der Problematik auseinandergesetzt.


Das war doch nur ein Witz, das war nicht so gemeint: Wer sich im Ton vergriffen hat, greift gerne zu verharmlosenden Formeln. Oft verbirgt sich dahinter eine unterdrückte Entschuldigung, für die aber leider der Mut gefehlt hat. So weit, so menschlich. Aber wenn durch eine Aussage andere Menschen verletzt wurden, können diese sich von derartigen Aussagen nichts kaufen. Im Gegenteil, ihnen wird indirekt die Verantwortung für ein vermeintliches Missverständnis zugeschoben. Es wird suggeriert, dass sie etwas falsch verstanden haben und damit selbst schuld sind.
Auch im allgemeinen Diskurs hinterlassen solche Äußerungen Spuren: Wenn der Verweis auf den scherzhaften Charakter einer Aussage akzeptabel ist, können alle hemmungslos um sich schlagen. Denn es steht eine Argumentation bereit, mit der selbst die übelsten verbalen Übergriffe im Notfall ohne Probleme verharmlost werden können. Die Folge ist ein verbales Wettrüsten, bei dem die lautesten und rücksichtslosesten Stimmen übrig bleiben. In den Kommentarspalten von sogenannten sozialen Medien wie Twitter, YouTube oder Facebook kann diese Eskalation täglich in Echtzeit beobachtet werden.
Früher war mit Sicherheit nicht alles besser, aber das Filtern von öffentlichen Äußerungen durch Redaktionen und Programmverantwortliche war im Hinblick auf verbale Gewaltexzesse deutlich effizienter als die Moderation auf den digitalen Plattformen von heute. Ein Kabarettist wie Dieter Hildebrandt, der mit dem Scheibenwischer jahrzehntelang eine Art Monopolstellung im Fernsehen innehatte, hatte damals wahrscheinlich keine ausgeprägte Awareness im Bezug auf Minderheiten und Diskriminierung. Und dennoch kam sein Humor ohne Witze auf Kosten von Gruppen aus, die ohnehin strukturell benachteiligt sind.
Das TV-Kabarett der alten Bundesrepublik war in erster Linie dazu da, die Reichen und Mächtigen lächerlich zu machen. Obwohl rassistische, homophobe und sexistische Vorurteile in weiten Teilen der Bevölkerung zum Alltag gehörten, waren sie im klassischen Kabarett als Basis für Witze nicht hoch angesehen. Generell wurden Witze auf Kosten anderer von vielen bis in die Neunziger hinein intuitiv als unanständig und niveaulos empfunden. Das änderte sich erst merklich, als mit dem Aufkommen des Privatfernsehens ein Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums entbrannte.
Jahrzehntelang schaute die Bevölkerung am Wochenende die gleichen Shows und Formate, die dann am Montag das Gesprächsthema Nummer eins waren. Auf Schulhöfen, in den Mensen und Kantinen der Bundesrepublik wurden die Witze nacherzählt und diskutiert. In wenigen Jahren explodierte die Zahl der Fernsehsender und damit auch der Unterhaltungssendungen. Viele der neuen Shows orientierten sich am angelsächsischen Comedy-Format und ließen das Kabarett-Establishment in Sachen Tempo, Themenvielfalt und Alltagsbezug sehr, sehr alt aussehen. Um in diesem Kontext noch Gesprächsthema zu werden, musste ein Witz schon sehr gut sein oder eben die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten. 
Dabei rückten nach und nach immer mehr Gruppen in das Fadenkreuz von immer drastischeren Witzen, die in erster Linie mit Vorurteilen über diese Gruppen arbeiteten. Ob Ostdeutsche, Menschen mit Migrationserfahrung, Schwule und Lesben, alleinerziehende Mütter oder Frauen allgemein: Wer tagsüber mit Benachteiligungen zu kämpfen hatte, bekam abends im Fernsehen mit ziemlicher Sicherheit ein paar niveaulose Witze obendrauf. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich in der Medienöffentlichkeit ein Kanon von Figuren, die Stereotype über diese Gruppen durch groteske Überzeichnung von Äußerlichkeiten zementierten.
Gerade mal drei von unzähligen Comedians haben sich bis heute davon distanziert, ihre Figuren aufgegeben und sich für ihre diskriminierenden Rollen entschuldigt: Anke Engelke, Kaya Yanar und Bernhard Hoecker. Noch schwerer als die Verfehlungen auf der Ebene der Darstellung wiegt allerdings die Haltung von einigen mächtigen TV-Promis, die auch redaktionell großen Einfluss auf die Inhalte ihrer Produktionen nehmen konnten. Harald Schmidt und Stefan Raab haben wie kaum jemand anders in der Medienlandschaft die Vorstellung von Humor im Fernsehen und auf der Bühne geprägt. Bei beiden gehörten sexistische und homophobe Übergriffe zum Standardrepertoire, viele Beispiele sind heute noch auf YouTube abrufbar.
Anfang der Nullerjahre trat dann ein junger Berliner ins Scheinwerferlicht, für den das Fernsehen vor allem eine Werbeplattforme für Live-Events in einer Größenordnung war, die bis dato den Superstars der Musikwelt vorbehalten war. Mario Barth stellte im Juli 2008 einen Weltrekord auf, als er 70.000 Menschen ins Berliner Olympiastadion lockte – nie zuvor wurden bei einer Comedyshow so viele Tickets verkauft. Diese unglaubliche Popularität konnte Barth nur erreichen, indem er das Niveau der übrigen Fernsehunterhaltung so konsequent unterbot. Dass dies nicht ohne eine neue Eskalationsstufe der Gehässigkeit gegenüber Minderheiten von statten ging, versteht sich von selbst. Doch die um ihr weltoffenes und progressives Image bemühte Hauptstadt schlug zurück: Über hunderttausend Leser*innen des Stadtmagazins tip wählten Mario Barth noch im selben Jahr zum peinlichsten Berliner 2008.
In den folgenden Jahren zeichnete sich immer deutlicher ab, dass die Kompatibilität von Humor mit der Kommunikationslogik der sozialen Medien zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor wurde. Immer schneller, immer krasser und kontroverser müssen Witze sein, um sich effizient zu verbreiten und durch viele Kommentare große Reichweiten zu erlangen. YouTube-Videos sind in der Regel viel kürzer als Fernsehbeiträge, Comic Strips und großformatige Karikaturen in der Tageszeitung wurden von komprimierten Sharepics und Memes abgelöst. Die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne im Netz trägt weiter zur sprachlichen Eskalation bei, denn differenzierte Darstellungen haben gegen provokante Zuspitzungen kaum eine Chance. Die sozialen Medien werden nicht gründlich moderiert und es fehlt der mäßigende Einfluss von redaktionellen Instanzen, die für Inhalte Verantwortung übernehmen.
Die Ergebnisse dieser Entwicklung sind wiederum sehr unterschiedlich und gegensätzlich. Zum einen beschert sie Prominenten wie Carolin Kebekus, Jan Böhmermann oder Joko & Klaas eine gigantische Reichweite, die sich mit teilweise extrem provokatem Humor für eine offene Gesellschaft und gegen Menschenfeindlichkeit sowie Diskriminierung positionieren. Die Demokratisierung der Unterhaltungsbranche durch niedrigschwellige Zugänge zu Mitteln der Produktion und Distribution, etwa durch die Verfügbarkeit von günstigen Smartphones und YouTube, hat außerdem zuletzt vielen jungen Menschen den Einstieg erleichtert. Viele von ihnen praktizieren Humor nicht im luftleeren Raum, sondern als Ausdrucksform von sozialen, ökologischen oder humanistischen Idealen. Viele von ihnen schaffen über das Format des Poetry Slams den Weg auf die Comedybühne, das durch hohe Durchlässigkeit und viel Interaktion eine Art analoges Spiegelbild des Online-Angebots darstellt.
Andererseits hat auch die digitale Revolution zu einer Verschärfung des Tonfalls und zur breiten Verfügbarkeit von menschenfeindlichen Witzen beigetragen. Als einer der ersten hat ausgerechnet der in der Türkei geborene Comedian Serdar Somuncu erkannt und ausgenutzt, dass durch die gezielte Verletzung von Tabus enorme Aufmerksamkeit erregt werden kann. Spätestens als er 2015 medienwirksam das “Recht aller Minderheiten auf Diskriminierung” postulierte, sorgte er für einen regelrechten Dammbruch. Seitdem hatten alle rechtsradikalen Menschenfeinde einen Kronzeugen, dessen knackiges Zitat den als Humor verkleideten Hass zusätzlich legitimierte.
Kein Wunder, dass sich Witze auf Kosten von Minderheiten auch heute noch im Fernsehen und auf den Bühnen behaupten können. Als Totschlagargument zur Rechtfertigung für diese teilweise sogar aus öffentlichen Mitteln geförderte Diskriminierung wird in der Regel mit absichtlich falsch verstandenen Begriffen wie Meinungs- oder Kunstfreiheit hantiert, die in dieser Form im Grundgesetz nicht verankert sind. Das tatsächlich existierende Recht auf freie Meinungsäußerung bedeutet nämlich keine absolute Freiheit, sondern muss stets im Kontext von anderen Grundrechten betrachtet werden. Die Würde des Menschen und auch das Recht auf Unversehrtheit, das neben körperlichen auch seelische Implikationen besitzt, stellt eine natürliche Begrenzung von individuellen Freiheitsrechten dar.
Als besonders heimtückische Waffe im Kampf für Menschenfeindlichkeit bemühen auch rechtsextreme Kreise immer wieder den Begriff der Cancel Culture, mit dem legitime Kritik an Hass und Hetze als Gefahr für die Kunstfreiheit diskreditiert werden soll. Immer wenn Auftritte von Prominenten abgesagt werden müssen, weil diese sich diskriminierend geäußert oder sich nicht ausreichend von einer diskriminierenden Lesart ihrer Äußerungen distanziert haben, wird die um sich greifende Cancel Culture beklagt. Das Ziel dieser Masche ist, die Rollen von Täter und Opfer zu vertauschen und das demokratische Gleichgewicht von Werten gezielt zu destabilisieren. Schuld an der Absage von Veranstaltungen und Fernsehsendungen ist nicht eine vermeintliche Cancel Culture, sondern das rücksichtslose Kalkül von allen, die mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf die Jagd nach Quoten gehen.
Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass der zivile Protest und die daraus resultierende Publicity durch gezielte Tabubrüche herbeigeführt wird. Etwa Chris Tall, dessen gesamtes Programm aus Tabubrüchen und seinem immer wiederkehrenden Slogan “Darf der das?” besteht. Oder Dieter Nuhr, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die minderjährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg mehrfach geschmacklos verunglimpfte, was ganz unabhängig von der Meinung zu ihrem Wirken scharf zu verurteilen ist. Und da ist die österreichische Kabarettistin und Autorin Lisa Eckhart, die ihre antisemitischen Witze als Äußerungen einer Kunstfigur verstanden wissen möchte und im Anschluss eine beispiellose Kampagne in Talkshows und Interviews inszeniert, um die Kritik an ihren Auftritten als Sinnbild für das Ende der Kunst und den Untergang des Abendlandes zu bejammern.
Es widerstrebt mir im Grunde, alle diese in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin überrepräsentierten Namen hier zu benennen. Denn es gibt so viele Künstler*innen, die beste Unterhaltung mit kontroversen Statements verbinden, ohne dabei jemals der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit nahezukommen. Wer die Pflicht zur Achtung vor anderen Menschen verinnerlicht hat, erlebt diese nicht mehr als Einschränkung. Das ist die Basis von Humor als einer Kunstform, der wir eine Bühne bieten wollen. Jeden Januar im Rahmen des Festivals Carambolage, aber auch bei vielen weiteren Veranstaltungen in den übrigen Monaten. Kabarett- und Comedyveranstaltungen sind wichtig, um eine Grundversorgung mit Humor zu gewährleisten. Wir wollen auch in Zukunft dazu beitragen, dass dieses Lebensmittel für alle Menschen zur Verfügung steht.

Für unser Jubiläum haben wir verschiedene Fachleute um Rück- und Ausblicke auf die wichtigsten Karlstorbahnhof-Themenfelder von Antidiskriminierungsarbeit über Hip Hop bis Theater gebeten. Alle neun Artikel gibt es im Jubiläumsmagazin. Jetzt bestellen!