Ob es am gewählten Instrument liegt, dass Rolf Kühn der Allgemeinheit weniger bekannt ist als, sagen wir, Albert Mangelsdorff? Mit der Klarinette wird allzu gerne Swing assoziiert, trotz der modalen Experimente, die ein Jimmy Giuffre um 1960 initiierte - und auch trotz der gemäßigten Free Jazz-Experimente von Kühn selbst. Blättert man in der von Maxi Sickert vorgelegten und im Rahmenprogramm von ENJOY JAZZ 2009 auch vorgestellten Kühn-Biografie „Clarinet Bird“, dann staunt man nicht schlecht: hat dieser Musiker doch eine für deutsche Verhältnisse zumal ganz exzeptionelle internationale Karriere hingelegt. Entdeckt wurde der in Köln geborene Rolf Kühn Ende der 1940er Jahre in Leipzig, ging dann erst in den Westen und bereits 1956 in die USA, wo er mit Oscar Pettiford, im Benny Goodman Orchestra, aber auch mit Ornette Coleman spielte. Es folgten Free Jazz und Fusion-Experimente, Filmmusiken, Engagements beim NDR und als Musicaldirigent und immer wieder Aufnahmen mit seinem viel jüngeren Bruder Joachim. Dass Rolf Kühn am 29. September 2009 seinen 80. Geburtstag feierte, wird zudem kaum glauben können, wer die sehr dynamische, swingende, melodiöse und auch ins Freie drängende Musik hört, die der Klarinettist an der Seite ganz junger Musiker der Berliner Szene wie Christian Lillinger, Ronny Graupe, Johannes Fink spielt. Die kristalline Klarheit seines Tones auf dem gemeinsam eingespielten und beim wunderbaren „Jazzwerkstatt“-Label erschienenen Album „Close Up“ zeugt von ungebrochener Abenteuerlust und zeigt keinerlei Berührungsängste gegenüber jugendlichem Sturm und Drang.