Einlass 20.00 Uhr

Eintritt Abendkasse 21 € / Vorverkauf 19,70 €

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Fr 04.10.19 / 21.00 Uhr / Saal

Kevin Hays & Lionel Loueke

Enjoy Jazz

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Spannungen führen in der Musik oft zu den anregendsten Aufnahmen und Performances – wenn es Uneinigkeit darüber gibt, wer die Führung übernehmen soll, wenn der eine schiebt und der andere zieht, wenn die Band nicht im Beat ruht, sondern ihn bezwingt. Duke Ellingtons großartige Trio-Aufnahme Money Jungle von 1962 mit Max Roach und Charles Mingus, war berühmt spannungsvoll. Man kann es daran hören, wie Roach und Mingus sich ständig gegenseitig anblaffen, aber ihr Respekt vor Ellington hat Vorrang und führt zu einer der besten Trio-Platten, die je produziert wurden.

Lionel und Kevin müssen kein Gleichgewicht untereinander finden, weil sie beide etwas anderem dienen. Wie auch immer man es nennen will – „Wahrheit“, „höhere Macht“, „Musik“ – das ist die dritte Partei hier. Als Musiker und Produzent hatte ich die Ehre, Zeuge einiger unglaublicher und sogar historischer Musikmomente zu werden. Ich habe noch nie etwas erlebt, wie den Moment als Lionel und Kevin ins Studio kamen.

Chemie ist ein seltsames Wort dafür. Welche mikrokosmischen Reaktionen laufen ab, wenn sich zwei Musiker so tief verbinden? Musiker sprechen oft davon den Takt gleich zu fühlen. Kann es eine simplere Beschreibung einer grundlegend mystischen Idee geben? Lionel Louekes Heimatland Benin in Westafrika ist weit weg von Kevin Hays' Heimatstadt Greenwich, Connecticut. Gibt es eine tiefere Wahrheit, die sie beide entdeckt haben?

Die Kompositionen auf dieser Platte haben auch ihre eigene Synchronität. „Violeta“ wurde von Kevin für die große chilenische Sängerin, Musikerin, Folkloristin und Komponistin Violeta Parra geschrieben. Kevin hörte Parra zum ersten Mal auf einer Aufnahme mit dem legendären brasilianischen Sänger Milton Nascimento, verliebte sich sofort in ihre Stimme und widmet dieses Lied ihrem „großen Geist“. „Hope“ wurde von Lionel in einer schwierigen Zeit seines Lebens geschrieben. Lionel sagte: “Hope kept me alive” und beschreibt das Lied als “another song for peace and love". Zu „Aziza Dance“ bemerkt er: „Aziza ist ein kleines Wesen, das man im Wald finden kann, wenn man Glück hat. Der Gott der Inspiration in der beninischen Mythologie.“ „Feuilles-O“ ist ein traditionelles haitianisches Lied, in das sich Kevin verliebt und es arrangiert hat (das ist Kevin, der die Melodie in haitianischem Kreol singt). Das Lied handelt von einem Medizinmann, der ein krankes Kind heilt. Hays's „Milton“ wurde von Nascimento inspiriert, dessen Einfluss im Falsett Intro deutlich wird und ein treibender 5/4 Rhythmus und ansteckende Ausgelassenheit. „Twins“ wurde von Lionel für seinen Freund, den Produzenten Mikele Locateli, geschrieben, als dieser Vater von Zwillingen wurde, aber es geht auch um die „tiefe Verbindung, die zwischen zwei Menschen bestehen kann“. „Veuve Mallienne“, was „malische Witwe" bedeutet, ist der Schrei einer Frau, die ihren Mann im Krieg verloren hat und eine Forderung nach Frieden. Kevin hat den Text zu „All I Have“ geschrieben, er handelt „von der Entdeckung des Reichtums der spirituellen Wahrheit, die immer da ist, aber oft durch unsere Verstrickung in die Dinge der materiellen Welt und unseren (noch öfter) überladenen Verstand verdeckt wird".

Hier gibt es eine Gemeinsamkeit von Absicht und Inspiration. Eine Suche nach – oder besser gesagt, ein Vertrauen in – etwas unter der Oberfläche. Das ist natürlich etwas, das in aller Musik repräsentiert und gesucht wird, nicht nur in der improvisierten Musik, aber die Verbindung zwischen Lionel und Kevin ist so klar und warm, dass es schwer fällt, nicht zu versuchen, sie zu verstehen. Denn dass diese Musiker, die eine halbe Welt voneinander entfernt aufgewachsen sind, an den unterirdischen Verbindungslinien ziehen, sie aufdecken und einschalten, damit sie leuchten und aufleuchten – das ist grundlegend für die gesamte Idee der Hoffnung. Denn egal ob man Trost im Göttlichen, im Geistigen oder im Menschlichen findet, es ist diese Art von Verbundenheit, nach der wir alle suchen und auf die wir uns verlassen.

Text: Elan Mehler